Schule in der Corona-Krise

Seitdem letztes Jahr das Coronavirus ausgebrochen ist, sind schon einige Monate vergangen.  29.386.463 Menschen sind bereits daran erkrankt, davon haben sich 19.943.453 Menschen wieder erholt, 930.589 Menschen sind an dem Virus gestorben (Stand 15.09.2020, 22:00 Uhr). In vielen Ländern wurden aufgrund von Covid-19 die Schulen geschlossen, so auch am 16.03.2020 in Österreich. Man ging zum „Distance-Learning“ bzw. Homeschooling über.

Distance-Learning

Die oft gescholtenen Lehrkräfte waren nun gezwungen innerhalb weniger Tage mittels unterschiedlichster Tools von vorwiegend analogem Unterricht auf digitalen Unterricht umzustellen. Schülerinnen und Schüler mussten sich plötzlich die Zeit und das Pensum fast gänzlich selbst einteilen. Eltern, in Homeoffice oder nicht, waren dazu aufgefordert, die Kinder selbst zu beschulen oder gefragt, wenn man bei einer Aufgabe einmal nicht weiter wusste.

Manche fanden sich in den neuen Rolle durchaus wieder und empfanden die neue Situation als bereichernd. Andere wiederum kamen mit dem digitalen Lernen und Lehren aus unterschiedlichsten Gründen gar nicht zurecht.

Anna J., eine Mutter von zwei Teenagertöchtern, die als Pflegehilfe im 15. Bezirk tätig ist, musste auch während der Schulschließungen weiter arbeiten. Dennoch war das Distance-Learning für ihre Töchter kein Problem: „Meine Töchter sind bereits sehr selbstständig, da sie schon 15 und 17 Jahre alt sind. Eigentlich waren sie immer beschäftigt und brauchten nicht viel Aufmerksamkeit. Die jüngere Tochter benötigte zwar ab und zu Hilfe, aber selbst das war bewältigbar.“

Eine 15-jährige Schülerin aus einer BMHS konnte dem digitalen Unterricht einiges abgewinnen: „Ich bin meistens erst um 12 Uhr aufgestanden, dann habe ich gefrühstückt, ein bisschen gechillt und zu Mittag gegessen. Erst danach habe ich die Übungen und Hausaufgaben gemacht.“ Ihr gefiel, dass sie sich alles selbst einteilen konnte und obwohl ihre Mutter in Homeoffice arbeitete und die vier Geschwister sich zwei Laptops teilten, blickt das Mädchen positiv auf die Zeit zuhause zurück: „Von mir aus hätten die Schulen noch länger geschlossen bleiben können. Ich fand den Online-Unterricht viel besser.“ Doch vielfach nutzte sie die Zeit auch anders: „Ich habe viel Netflix geschaut, war ein bisschen auf den Sozialen Medien unterwegs und bin oft erst um 2 Uhr schlafen gegangen.“ Ähnlich lobt ihre Klassenkameradin die Online-Phase: „Die Classroom-App hat mir sehr Spaß gemacht, da alles sehr übersichtlich war. Die Videokonferenzen mit den Lehrerinnen und Lehrer gefielen mir besonders gut, da man sich sozusagen wieder ,,sehen“ und unklare Fragen besser klären konnte.“ Sie schätzte es, sich die Zeit selber einteilen zu können und weniger Zeitdruck als in der Schule zu haben.

Da die Politik den Schulbetrieb nicht zur Priorität machte, mussten die Familien auch nach Ostern Betreuung und Beschulung oft selbst übernehmen. Die Möglichkeit, schulpflichtige Kinder zur Beaufsichtigung in die Schule zu schicken, wurde kaum genützt, zu groß waren vielfach die Ängste.

Dass all dies mit großen Herausforderungen und oft auch mit Stress oder gar Verzweiflung verbunden war, lässt sich kaum leugnen. Ein Vater mit drei Kindern, der in Home-Office arbeitete, beschreibt das Home-Schooling als sehr herausfordernd: ,,Manchmal war ich überfordert wegen der Arbeit und Betreuung der Kinder zu Hause. Ich hatte in der Zeit keine anderen sozialen Kontakte.“ Es gab aber auch positive Aspekte: „Ich habe mehr Zeit mit meiner Familie verbracht.“

Der alleinerziehende Vater Tobias H. gibt an, zeitweise mit der neuen Situation komplett überfordert gewesen zu sein. Er hat zwei Kinder im Alter von acht und fünfzehn Jahren und musste seinem Sohn die Aufgaben erklären, Fehler verbessern oder dafür sorgen, dass er überhaupt etwas macht. Seine Tochter brauchte zu bestimmten Uhrzeiten seinen Laptop für den Online-Unterricht, arbeitete sonst aber sehr selbstständig. „Ich musste ja auch dreimal am Tag Essen zubereiten und neben all dem den ganzen Tag in Homeoffice arbeiten. Manchmal kam einfach zu viel zusammen, ich war kurz vor einem Nervenzusammenbruch.“

Mutter Susanne B. (34) hatte Unterstützung von ihrem Mann. Sie wechselten sich damit ab, Essen zu kochen, mit den Kindern zu lernen und hatten somit einen relativ guten Überblick über alles. Hin und wieder gab es kleine Streitereien. „Aber das passiert, wenn man die ganze Zeit aufeinander klebt“, meint sie.

Doch nicht alle Schülerinnen und Schüler hatten zuhause die notwendige Ausstattung oder Unterstützung. 6,8 Prozent der 6- bis 14-jährigen Schüler und Schülerinnen waren bereits nach wenigen Wochen für die Lehrkräfte nicht mehr erreichbar, so auch die Schülerin einer ersten Fachschulklasse: „Ich konnte meine Aufgaben nicht machen, da ich schwaches Internet und keinen Laptop zuhause hatte. Da ich mir auch in der Schule schwer tue, hätte ich oft Unterstützung gebraucht.“ Auch die Erklärungen der Lehrkräfte hätten ihr nicht wirklich weitergeholfen. „Hinzu kam, dass ich die meiste Zeit krank war“, erklärt sie. Eine andere Schülerin berichtet, dass sie weder einen Computer noch einen Laptop zur Verfügung hatte und sich mit der verwendeten Plattform nicht auskannte. Sie bekam unzählige Arbeitsaufträge, welche sie so gut es ging erledigen wollte, aber oft nicht verstand oder nicht abschicken konnte. „Als ich dann endlich einen Laptop zur Verfügung gestellt bekommen habe, war vieles leichter und ich konnte einiges nachreichen. Doch gegen Ende der Online-Phase fehlte mir die Motivation, daher habe ich auch nicht alles nachgemacht.“

Die Politik hatte zunächst nicht berücksichtigt, dass viele SchülerInnen gar keine oder keine eigenen Laptops oder Computer zu Hause zur Verfügung hatten, um am Online-Unterricht teilnehmen zu können. Und auch die rasch ins Leben gerufene Option der Leihlaptops löste das Problem nicht, wenn SchülerInnen keine oder nur eine schwache Internetverbindung hatten.

Für die Lehrerin Andrea Z., die an einer weiterführenden Schule unterrichtet, war der Anfang der Online-Phase sehr stressig, denn sie hatte sich noch nie zuvor mit Plattformen wie „Google Classroom“ beschäftigt und nur eine kurze Zusammenfassung darüber bekommen, wie dieser virtuelle Klassenraum funktioniert. „Hinzu kamen unzählige E-Mails von Kollegen und Schülern, die ich beantworten musste. Außerdem mussten ja immer neue Arbeitsaufträge erstellt und kontrolliert werden und das alles für knapp 200 Schüler. Nach ein paar Wochen wurde es zum Glück einfacher, weil sich langsam eine Art Rhythmus entwickelt hatte.“

Eine andere Lehrkraft meint, dass es an vielen Schulen an Erfahrungen mit der Digitalisierung mangelte. Die Zusammenarbeit innerhalb der Klassenteams sei daher auch schwierig gewesen und es habe Abstimmungsprobleme gegeben. „Zusätzlich war die soziale Isolation sehr belastend für die SchülerInnen. Durch die Quarantäne wurde man träge und verlor jegliches Zeitgefühl. Es fehlte die Abwechslung. Wir sind soziale Lebewesen. Dauerhaft wäre dieser Zustand nicht gesund gewesen.“ Dennoch habe der Lockdown der Schulen dazu geführt, dass die Digitalisierung nun vorangetrieben werde. Mithilfe von Lernplattformen kann man differenzieren und unmittelbares Feedback geben, über Kommunikationsplattformen individuelle Betreuung anbieten. „Ich denke, dass wir in der Zukunft davon profitieren werden“, bekräftigt die Lehrkraft.

Besonders zu Beginn der Online-Phase hätten es wohl viele Lehrkräfte mit den Aufgabenstellungen übertrieben, so urteilt Tobi M., ein 25-jähriger Nachhilfelehrer aus Wien. Er studiert Physik an der Universität Wien und arbeitet nebenher als Nachhilfelehrer. „Ich gebe Jugendlichen im Alter von 15-17 Jahren Nachhilfe. Während der Schulschließungen war es für viele nicht besonders leicht. Eine Schülerin zum Beispiel tat sich besonders schwer, da der Physiklehrer sehr streng ist und auch in der Online-Schooling-Phase die SchülerInnen unter Druck setzte, indem er viele Hausübungen aufgegeben hat.“ Die Schülerin hätte sich zwar immer wieder bei ihrem Klassenvorstand beschwert, aber das habe nichts geändert. Tobi hat auch während der Kontakteinschränkungen Nachhilfe über Online-Plattformen erteilt. „Es haben sich oft Schülerinnen darüber beklagt, wie anstrengend es ist, immer zuhause zu sein. Bei einem Jungen gab es immer Stress mit den Eltern und bei einem anderen waren es die kleinen Geschwister, die immer spielen oder unbedingt mitdrücken wollten auf der Tastatur.“

Noch ein Faktor, dem nicht genug Beachtung geschenkt wurde, war, dass manche SchülerInnen bei Unklarheiten nicht auf die Hilfestellung von Online-Nachhilfe oder ihrer Eltern zurückgreifen konnten, z.B. weil diese arbeiteten, mangels Sprachkenntnissen oder weil sie in diesem Fach einfach nicht über ausreichendes Wissen verfügen. Manche SchülerInnen blieben dadurch zurück oder gaben einfach auf.

Attila E., ein Vater von zwei Kindern, bewältigte die Tage zuhause mit der Hilfe seiner Frau Reyhan E. Den Kindern bei den Aufgaben zu helfen, fiel zur Gänze ihm zu. Dauernd brauchte eines seiner Kinder, 12 und 14 Jahre alt, Hilfe. 

Gegen 9 Uhr in der Früh sei die Frustration am größten gewesen, weil die Benutzung des Computers geplant werden musste. Die zwei Geschwister hatten von der Schule aus Videokonferenzen und er beruflich auch. Solange die Videokonferenzen nicht zur gleichen Zeit stattfanden, habe das halbwegs funktioniert. „Aber es habe auch terminliche Überschneidungen. Dann herrschte unvermeidlich ein großes Chaos“, erzählt der Familienvater, „und auch wenn einmal keine Konferenzen stattfanden, musste der eine oder andere auf das Freiwerden des Computers warten. Diese Situation verursachte Probleme und Spannungen.“ 

Brankica L. ist eine alleinerziehende Mutter zweier Töchter, 15 und 24 Jahre alt. Während der Schulschließungen konnte sie ihre Töchter kaum unterstützen, denn sie bereitete sich auf eine Operation vor. Nach der Herz-OP kümmerten sich ihre Kinder um sie. Die 15-jährige Tochter übernahm das Einkaufen und die Wäsche. Die ältere Tochter kochte und brachte die Mutter zu den Kontrollterminen.

Schulöffnung

Als die Schulen wenige Wochen vor den Sommerferien wieder öffnen, ist der Schulalltag ein völlig anderer geworden. Man geht durch leere Gänge. Der Geruch von Desinfektionsmittel sticht in der Nase. Die Schüler und Schülerinnen tragen vielfach Masken, obwohl die Maskenpflicht in den Schulen aufgehoben wurde. Die Stimmung ist angespannt, weil alle so gut wie möglich versuchen, Abstand zu halten. Die Klassen wurden geteilt und jede Gruppe hat nur alle zwei Tage Unterricht in der Schule. Einige Schülerinnen und Schüler kommen gar nicht, weil sie oder ihre Eltern zur Risikogruppe gehören. Den Freunden, die da sind, soll man keine Begrüßungsumarmung geben. Im Klassenimmer sind die Tische auseinandergestellt, damit die SchülerInnen einzeln an ihnen sitzen können, außerdem beiben die Fenster offen.

Bis zum Sommer verzichtete man auf Schularbeiten, es gab kein Sitzenbleiben in den Volksschulen und in den anderen Schulen konnten SchülerInnen mit einer Fünf auf jeden Fall und mit mehreren Fünfern nach einer entsprechenden Entscheidung der Klassenkonferenz aufsteigen. Doch nun bringt auch der Herbst steigende Fallzahlen mit sich. Von einer Rückkehr zum „normalen“ Schulbetrieb kann also keine Rede sein, doch es bleibt zu hoffen, dass Bildungspolitiker und Gesundheitsbehörden besser vorbereitet in dieses neue Schuljahr starten. Was rasche und klare Informationen sowie einheitliche Kommunikations- oder Lernplattformen angeht, gibt es sicherlich großes Verbesserungspotenzial.

2.HMA (D1), 2.FMB, HLMW9 Michelbeuern, Wien, Österreich

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