Es wird nie wieder so sein wie es war

Die Covid-19-Pandemie krempelt das Schulleben um

Am 11.03 2020 gibt Bundeskanzler Sebastian Kurz die Schulschließungen bekannt. Panik unter den ÖsterreicherInnen macht sich breit. Dieses Szenario hat es nie zuvor gegeben. Allerdings sind den Betroffenen zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ansatzweise die Herausforderungen bewusst, die auf sie zukommen.

Die Corona-Pandemie veränderte den Alltag vieler Menschen auf einen Schlag. Nicht nur in Österreich wurden die Schulen geschlossen und auf Distance-Learning bzw. Homeschooling umgestellt. Diese Schließungen stellten SchülerInnen, Lehrkräfte, Eltern und Schulleitungen überall vor große Herausforderungen, die es in kürzester Zeit zu bewältigen galt. Manche konnten dem Lernen und Lehren von zuhause aus sehr viel abgewinnen, andere waren restlos überfordert und fühlten sich überrumpelt.

Ein Rückblick auf Distance-Learning und Homeschooling

Die 17-jährige Oberstufenschülerin Lena M. ist gerade dabei, ihren Laptop, den sie sich während des Home-Schoolings mit ihrer jüngeren Schwester teilt, hochzufahren. Dann öffnet sie Google-Classroom und sieht, dass drei Lehrkräfte neue Aufgaben für nächste Woche hochgestellt haben und das obwohl sie noch die Arbeitsaufträge für diese Woche abarbeiten muss. „Es ist ein ungutes Gefühl. Man fragt sich dauernd, wie man das denn schaffen soll. Wut und Frust machen sich breit“, erzählt die Jugendliche. „Wenn es zu viel ist, dann facetime ich meine beste Freundin und wir tauschen uns aus und reden über die Lehrer, das Home-Schooling und über das, was wir noch alles zu erledigen haben.“ Obwohl die Fülle an Aufgaben Lena belastet, kann sie sich austauschen und gemeinsam mit ihrer Freundin Aufgaben besprechen.

Doch auch die Eltern übernehmen bei vielen die Rolle von Hilfslehrern oder beschulen ihre Kinder sogar gänzlich selbst. Homeschooling gelingt, Erhebungen zufolge, in rund der Hälfte der Familien auch sehr gut oder gut. Eltern mit Kindern von 6 bis 14 Jahren wenden hierfür durchschnittlich etwa zwei Stunden pro Tag auf. Schwierigkeiten haben in der Homeschooling-Phase insbesondere alleinerziehende Mütter und Befragte mit maximal Lehrabschluss.

Die 39-jährige Mutter von zwei Kindern Claudia S. hilft ihrer elfjährigen Tochter in dieser Zeit unter anderem in Mathematik, ihr älterer Sohn ist 17 Jahre alt. Er bereitet sich gerade auf die Matura vor und die Stimmung in der Familie ist angespannt. Claudias Mann ist selbstständig, somit kann er seinem Beruf zwar weiterhin nachgehen, allerdings sorgt er sich sehr um die Zukunft und die Existenz seines Unternehmens und hat besonders viel damit zu tun, Aufträge an Land zu ziehen, um das Überleben seiner Firma zu sichern. Claudia arbeitet momentan von zuhause aus. Gleichzeitig kümmert sie sich um ihre Kinder und den Haushalt. „Ich stehe ständig unter Druck und auch mein Mann kann mich momentan nicht mehr so unterstützen wie sonst. Meine Kinder brauchen mich aufgrund des Distance-Learnings mehr als sonst, außerdem baut mein Arbeitgeber Mitarbeiter ab, ich soll also trotz der vielseitigen Belastung abliefern.“ Claudia weiß nicht, wie sie diese Situation lösen und allen einigermaßen gerecht werden kann. Auch eine arbeitstätige Frau mit einem Kind im Volksschulalter spricht von großen Herausforderungen: „Die Arbeit plötzlich von zuhause aus bewältigen zu müssen, war schon schwer genug. Ein so junges Kind auf einmal den ganzen Tag zuhause zu haben, aufsichtspflichtig zu sein, und ihm auch noch Hilfe bei Schulsachen bieten zu müssen, hat mich weitaus mehr gestresst als der normale Alltag.“ Zu helfen sei bei einem Kind in der Volksschule kein Problem, denn Zahlenreihen und Geschichtenschreiben würden ja zum Grundwissen gehören, doch bei Kindern in der Oberstufe sei das sicher für viele Eltern nicht mehr so einfach möglich. In ihrem Fall gab es vom Arbeitgeber wenig Entgegenkommen: „Ich musste die ersten drei Wochen Urlaub nehmen, danach habe ich teilweise in Homeoffice gearbeitet und da gab es auch nicht viel Nachsicht, was mein Kleinkind zuhause betraf, um das ich mich kümmern musste.“ Dass die Spielplätze dann etwa in Wien auch gesperrt wurden, sorgte bei vielen Eltern für Unmut, obwohl meist doch die Sorge um die Gesundheit der Kinder überwog. „Ich habe versucht so viel wie möglich spazieren zu gehen, trotzdem war die Spielplatz-Sperre für viele Mütter sicher ein großes Problem, denn Frisbeespielen kann halt mit Rutschen nicht mithalten.“

Wie die Ergebnisse des Corona-Panel-Projektes zeigen, erhöhte das Homeschooling die Konflikthäufigkeit in Familien: 32% gerieten zumindest mehrmals die Woche mit ihren Kindern darüber in Streit, 48% an manchen Tagen und 20% nie. Seit Beginn der Corona-Krise traten in vielen Familien insgesamt mehr Konflikte auf, sowohl zwischen den Eltern über Hausarbeit und Kinderbetreuung als auch rund um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Die Eltern und die vorhandenen Ressourcen zuhause, also inwieweit die Eltern die Kinder in der Distance-Learning-Phase unterstützen konnten oder ob es genug Möglichkeiten gab am Computer, Laptop, PC oder Tablet zu arbeiten oder nicht, waren während dieser Zeit von sehr großer Bedeutung für den Lernerfolg der Kinder und Jugendlichen. Bildungspsychologin Christiane Spiels Erhebung an der Universität Wien zeigte, dass 16 Prozent der Befragten im Homeschooling keinen eigenen PC, kein Laptop oder Tablet zur Verfügung hatten und auch oft kein Ort zum ungestörten Arbeiten vorhanden war.

„Ich habe keinen eigenen Computer, das ist manchmal ganz schön schwierig“, erzählt auch die zwölfjährige Gymnasiastin Selina M.. Sie teilt sich den Laptop während des Distance-Learnings mit ihren Eltern. Bei Online-Unterricht und eingeschränkten Sozialkontakten motiviert zu bleiben, ist für sie nicht immer einfach. Jeder Morgen beginnt damit, sich die Liste mit den Aufgaben für die Woche anzusehen. Bei der neuen Englisch-Übung braucht sie die Hilfe eines Elternteils. Die Aufgaben sind neu und erscheinen ihr selbst zu schwer. Die Lehrkraft ist für Nachfragen nur bedingt erreichbar und steht für einen kurzen Austausch über die Aufgabenstellung gerade nicht zur Verfügung. Die Situation scheint Selina zu belasten. „Manchmal habe ich in so einem Fall keine Motivation mehr weiterzumachen, außerdem muss ich natürlich auch warten, bis meine Eltern Zeit haben, um mir zu helfen.“

Eine besondere Belastung war die Schulschließung für die MaturatInnen. Sie mussten nun im Alleingang die Vorbereitung bewältigen und lange war unklar, ob und wann die Matura überhaupt stattfinden kann. Dennoch empfanden es viele SchülerInnen als angenehm, sich alles selbst einteilen zu können und Lernzeit und Lerntempo zu großen Teilen selbst zu bestimmen. Ein Maturant meint rückblickend: „Für mich persönlich war der Online-Unterricht angenehmer als der Präsenzunterricht, weil ich nicht viel zu tun hatte und mir selber einteilen konnte, wie ich mich für die Matura vorbereite.“ Selbständigkeit und Zeitmanagement seien für ihn kein Problem gewesen, da er nicht viele Aufgaben bekommen habe. Er fügt mit einem Lachen hinzu: „Und wenn, waren sie schnell erledigt.“ Die Kommunikation gestaltete sich an seiner Schule unterschiedlich: „E-Mails fand ich sehr unübersichtlich, doch mit Moodle konnte ich gut arbeiten, weil wir es schon vor dem Home-Unterricht regelmäßig verwendet haben.“ Dass dem Maturanten ein eigener Computer zur Verfügung steht, sei natürlich sehr hilfreich und meist sei es zuhause sehr ruhig gewesen, wenn alle am Arbeiten waren. „Andererseits hatte mein Vater regelmäßig Videokonferenzen, die mich gestört haben“, erzählt der Schüler. Die ständige Arbeit am Bildschirm beurteilt er jedoch auch so: „Mir hat der Sport sehr gefehlt und ich war ziemlich unruhig.“

Eine andere Schülerin empfand das ständige Sitzen vor dem Computer körperlich belastend: „Es war sehr anstrengend. Ich hatte viele körperliche Probleme, also Rückenschmerzen. Außerdem war es in der Anfangsphase alles so viel, dass ich vergessen habe zu essen und ohne Pause den ganzen Tag durchgearbeitet habe.“ Sie habe zwar einen eigenen Laptop zur Verfügung und Selbstständigkeit sowie Zeitmanagement seien grundsätzlich kein Problem, aber dennoch wisse sie den Präsenzunterricht zu schätzen. „Es fällt mir leichter, alles einzuteilen, da es fixe Zeiten gibt, in denen ich einfach in der Schule sitzen muss und ich keine anderen Möglichkeiten habe“, meint sie und fügt hinzu: „Es war nicht immer einfach, da ich nicht abschalten konnte und 24 Stunden am Tag nur an die Schule denken musste, damit ich ja nichts vergesse.“

Die Fernlehre, also die Umstellung der Schulen auf Heimunterricht, bedeutete für mehr als 60 Prozent der LehrerInnen eine starke Belastung. Unter den SchülerInnen war der Anteil nach Einschätzung von PädagogInnen sogar noch etwas größer, wie Bildungswissenschaftler Stephan Huber im Rahmen eines Bildungsbarometers ermitteln konnte.

Eine Lehrerin schildert die Zeit des Distance-Learning so: „Da ich selber ein 13-jähriges Kind habe, das Hilfe und Unterstützung in der Schule braucht, und für den Haushalt zuständig bin, war ich etwas überfordert. Ich habe mehrere Klassen im Fach Englisch und da es ein Maturafach ist, ist es mir wichtig, dass Schüler sich damit auseinandersetzen. Ich habe den Schülern verschiedenste Aufgaben geschickt, teilweise auch Übungen im Buch, die sie mir der Einfachheit halber abfotografieren und schicken sollten. Zum Teil lief alles super, doch manchmal war es sehr schwierig und ich konnte die abfotografierten Beispiele nicht gleich verbessern, weil sie abgeschnitten waren oder im Querformat.“ Die Diskussionen nach der Schulöffnung hätten ihr gezeigt, dass die Phase der Schulschließungen ganz unterschiedlich erlebt worden sei. Eine andere Lehrerin hätte sich genauere Vorgaben seitens der Schule gewünscht, etwa was einheitliche Lernplattformen und Kommunikationstools betrifft. Sie gibt an, den Umfang der Korrekturen durch das Online-Learning anfangs unterschätzt zu haben. Auch die Arbeit von zuhause sei schwierig gewesen: „Mein jüngeres Kind hat nicht verstanden, warum ich keine Zeit habe mit ihm zu spielen. Mein anderes Kind, das in die Volksschule geht, musste ich neben dem Unterricht beschulen. Außerdem musste ich nebenbei auch die Kinder bekochen. Ich hatte Arbeit ohne Ende.“ Die Arbeitsleistung mancher SchülerInnen überraschte sie: „Der Großteil hat alles gemacht und manche sogar mehr als vorher. In jeder Klasse gab es allerdings immer zwei bis drei Schülerinnen und Schüler, die nicht bzw. nur wenig abgegeben haben oder kaum erreichbar waren.“

Eine Auseinandersetzung mit den Erfahrungen dieser Zeit ist sehr wichtig, um daraus zu lernen und auch Verbesserungsmöglichkeiten wahrnehmen zu können. Besonders von Seiten der Eltern gibt es große Sorgen, was das neue, gerade beginnende Schuljahr anbelangt, denn auch sie haben den Online-Unterricht oder das Home-Schooling sehr durchwachsen erlebt: „Es war oftmals schwierig für die Schüler, sich den neuen Lernstoff ohne die tatsächliche Erklärung und Kommunikation der LehrerInnen selbst beizubringen. Andererseits habe ich auch das Gefühl, dass die Schülerinnen und Schüler wahrscheinlich auch sehr viel dazu gelernt haben“, meint eine Mutter. Ihre Tochter habe zwar so gut wie immer sehr selbstständig gearbeitet, aber wenn sie Hilfe brauchte, seien es meistens Fächer gewesen, von denen sie keine Ahnung habe und daher hätte sie auch nicht helfen können. Eine erneute Schulschließung mit Online-Learning sieht sie sehr kritisch: „Wie schon gesagt, es fehlen einfach die Erklärungen und all das, was Schule sonst noch neben dem Lernen ausmacht, nämlich soziales Miteinander, Kommunikation sowie gemeinsames Erleben und Erlernen.“

Die Arbeit mit SchülerInnen über Lernplattformen, Online-Tools und Videokonferenzen beurteilt eine Lehramtsstudentin, die im Schuljahr 2019/20 ihr Praktikum an einer Schule absolviert hat, so: „Der Aufwand war um einiges größer und man saß sehr viel länger an den Aufgaben als der geplante Unterricht gedauert hätte. Außerdem herrschte am Anfang ein totales Chaos, da manche ProfessorenInnen viel zu viel oder manch andere erst nach zwei Monaten ihre Übungen hochgestellt haben.“ Auch Videokonferenzen seien ihrer Meinung nach kein adäquater Ersatz für den Präsenzunterricht: „Bei den Videokonferenzen war es schwer, die Schülerinnen und Schüler zum Mitarbeiten zu motivieren und man hatte auch nicht alle auf einmal im Blick. Viele von ihnen kämpften auch mit technischen Schwierigkeiten.“ Ihr Fazit: „Ich glaube, ich denke wie viele andere, dass der Unterricht zu Hause um einiges schwieriger und vom Zeitaufwand deutlich größer war als der eigentliche Präsenzunterricht.“

Rückkehr zur Normalität?

Am 4. Mai 2020 wurde die Schule für Matura- und Abschlussklassen sowie Lehr- und Abschlussklassen in Berufsschulen wieder geöffnet. Alle Primär- und Sekundarstufen, Sonderschulen und Klassen mit verkürztem Jahr folgten ab dem 18. Mai. Die Normalität kehrte mit der Öffnung der Schulen wieder zurück, dachte man jedenfalls. Doch dem war nicht so. Es gab keinen Unterricht in Bewegung und Sport mit Ausnahme von Schulen mit Sportschwerpunkt, Freigegenstände und unverbindliche Übungen entfielen, man musste sich beim Betreten des Gebäudes die Hände desinfizieren und auf den Gängen in der ersten Phase auch Masken tragen, danach fiel die Maskenpflicht in den Schulgebäuden wieder weg.

Dann kam der Sommer und mit ihm die Hoffnung auf einen „normalen“ Schulherbst. Doch die Zahlen steigen wieder. Die Öffentlichen Verkehrsmittel sind immer noch mit deutlich weniger Menschen gefüllt, es gilt darin die Maskenpflicht und man achtet wieder stärker darauf, Abstand zu halten.

Und auch die Schulen riechen in diesem Herbst wieder nach Desinfektionsmittel. Dank der neu eingeführten und in Wien gleich auf Gelb gesetzten Corona-Ampel kontrollieren Lehrkräfte beim Schuleingang wieder, ob man sich die Hände desinfiziert und Maske trägt. Die Schulkorridore waren auch vor dem Sommerferien schon ungewöhnlich leer. Wenn die Glocke zur Pause läutete, waren kaum mehr Kinder oder Jugendliche auf den Fluren. Es gab keine Schlange vor dem Getränkeautomaten, dafür Schlangen vor dem Waschbecken. Schulutensilien durfte man sich nicht ausborgen. Ob das auch heuer wieder so sein wird?

Zum Start ins neue Schuljahr heißt es jedenfalls: Egal ob heiß oder kalt, es wird gelüftet was geht. Die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich Kinder und Jugendliche in den Schulen an die Hygienevorschriften halten und auf Abstand gehen, wird nicht leichter, denn der Sommer hat manche sorgloser werden lassen. Das Einhalten der Regeln erscheint mühsam, unpraktisch oder gar unnötig und sinnlos. Die Meisten werden aber hoffentlich wieder vorsichtig sein.

Man kann die Nervosität und die Sorgen der Betroffenen spüren. Haben die verantwortlichen Bildungspolitiker den Sommer genützt, um die Voraussetzungen für einen möglicherweise erneuten Heimunterricht zu verbessern? Wird der Informationsfluss an die Schulen, Lehrkräfte, SchülerInnen und Eltern rascher sein? Und was ist erst mit den SchülerInnen, die selbst oder deren Eltern zur Risikogruppe gehören?

4.HMB, HLMW9 Michelbeuern, Wien, Österreich

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